Montag, 3. Dezember 2012

Kampf verloren

Maus? Ich muss dir etwas erzählen. Eigentlich will ich es gar nicht, aber ich muss. S. hat sich vor einen Zug geworfen.


Gegen 08:20 Uhr am 02.12.2012 schaute ich auf mein Handy und sah, dass ich eine Nachricht bei Facebook bekommen hatte. Um 06:24 Uhr schrieb meine beste Freundin ein einfaches "Schatz". Kein Satzzeichen, nur dieses eine Wort. Ich wusste dass sie am Abend vorher in Hamburg war mit Freunden und wunderte mich. Ich schrieb ihr ein einfaches "Ja?" zurück. Kurz danach klingelte mein Handy.
"Maus?", sagte sie zu mir. Total müde von der letzten Nacht, die ich schlaflos verbrachte, fragte ich sie, was los ist.
Sie schluchzte, rang nach Worten. "Ich muss dir was erzählen...", sagte sie und ich hörte den Kloß in ihrem Hals. "Eigentlich will ich es gar nicht, aber ich muss. Du sollst es nicht über das Internet erfahren. S. hat sich vor einen Zug geworfen."
Ich war hellwach. Sämtliche Bilder schossen mir in den Kopf. Das durfte nicht wahr sein.
"Das ist ein Scherz", sagte ich und dann weinte das Mädchen am anderen Ende der Leitung und quälte ein "Nein, ist es nicht." aus ihrer Kehle.

Ein Mann hat sich vor einen Zug geworfen. Ihr Vater arbeitet bei der Feuerwehr meiner Heimatstadt, in der ich seit einigen Wochen nicht mehr wohne und in der das Unglück passiert ist. Der Personalausweis, der am Unglücksort gefunden wurde, zeigte eindeutig, dass es sich um unseren guten Freund S. handelte. Selbstmord.
Vor einigen Tagen schon brachte sich ein junger Mann um, indem er sich vor einen Zug warf. Da hatte ich schon die Befürchtung, S. wäre es gewesen.
Doch jetzt war er es.

Alles zog sich zusammen. Mein Mund wurde trocken, das konnte und wollte ich nicht glauben.

Schon am Abend vom 01.12.12 auf den 02.12.12 stand bei Facebook ein Eintrag von einem Freund "Ey, melden!" auf der Pinnwand von S. Danach, eine öffentliche Nachricht "Wo ist S. verdammt??? Wer was weiß, soll sich melden bitte!!!"
Da hatte ich schon ein komisches Gefühl, dachte mir aber nichts dabei, weil das Handy von S. ab und an ausgeschaltet war und man ihn nicht erreichen konnte. Stunden später, gegen 04:00 Uhr morgens schrieb ich einen Freund bei Whatsapp an, da ich eh nicht schlafen konnte und gesehen habe, dass er online war. Ich schrieb "C.? Was machst du?" und kurz darauf kam die Antwort "Die gleiche Antwort: Ja" und dann "Komme grade aus dem G. Was ist los?" Wir hielten etwas Smalltalk, bis ich ihn nochmal auf diese komische Antwort ansprach. Er sagte nur, das er schon von ein paar Leuten zum selben Thema angequatscht wurde und ich das schon noch erfahren werde, wenn es sich in den nächsten Tagen bewahrheitet.
Ich fragte nochmal, was er meinte. Er sagte nur, es wären ein paar Dinge unklar und er wolle nix falsches erzählen. Er wäre genervt, weil er von so vielen Leuten angeschrieben worden sei und das Nachrichten wie ein Lauffeuer rumgehen. Ich würde es schon bald erfahren.
Da wurde mir erst bewusst, wie wenig ich noch mitbekam von meinen Freunden, seitdem ich umgezogen bin.
Wir hielten noch etwas Smalltalk, da ich merkte, dass es keinen Sinn mehr hatte, ihn weiter zu fragen.
Irgendwann bin ich dann auch eingeschlafen. Dann schaute ich morgens auf mein Handy und ein Alptraum begann.

Ich weinte, so wie jetzt auch, nachdem das Telefonat mit meiner besten Freundin beendet war. Ich konnte es nicht begreifen. Es war so unrealistisch. Ich hielt es für einen miesen Scherz. Ich konnte nicht verstehen, warum. Tausend Dinge schwirrten in einem irren Tempo in meinem Kopf. Mittlerweile schwirren sie langsamer, aber sie sind immer noch da.

Ich rief Menschen an, die mir sehr wichtig sind. Von denen ich der Meinung war, dass sie es auch erfahren mussten. Ich rief W. an. Meine Freundin, Vertraute, meine Bezugsperson, die ich seit Jahren kannte. Wir sind unzertrennlich und ich brauchte sie in diesem Moment. Ich erzählt ihr was passiert war. Auch sie war geschockt. Verständlich.
Sie weinte etwas. Ich irgendwann nicht mehr.

Später schrieb ich H., meinem schwulen besten Freund, mit dem ich letztes Jahr durchs Abitur gegangen bin, er solle sich umgehend melden, es sei wichtig. Er kannte S. Er hatte selbst viel mit S. früher zu tun.
Ich bekam später am Tag eine Antwort und rief ihn an. Er merkte erst nicht was los war, bis ich mich zusammenreißen musste, nicht zusammenzubrechen. "Was ist los?", fragte er besorgt und ich erzählte es ihm. Er sagte sofort, er würde zu mir kommen, damit ich nicht alleine sein muss. Auch er weinte. Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten.

Ich weinte noch bei dem zweiten Telefonat mit meiner Freundin, die mir morgens die Nachricht geschickt hatte. Wir redeten darüber, warum er das getan hat. Wir kamen zu keinem Grund. Wie denn auch, wir wussten ja nicht, was in seinem Kopf vorging.

Ich versuchte mich abzulenken. Meine Mitbewohnerin fragte mich, ob ich mit ihr Kekse backen wolle. Meine Mitbewohnerinnen wussten was passiert ist und sie verhielten sich toll. Wir backten Kekse, alberten rum. Dann klingelte mein Handy. H. stand vor unserer Haustür. Ich war froh, dass er da war. Wir redeten über alles. Über die letzte Nacht, in der H. feiern war, über S., hörten traurige Lieder, sahen uns das Ende von der Serie "Six Feet Under" an und versuchten den Gedankengang von S. zu verstehen, was ihn dazu getrieben hat.

S. hatte viele Probleme. Das wussten wir alle. Er durfte nicht mehr schwer körperlich arbeiten, da er Probleme mit seinem Rücken und seiner Hand hatte. Er hatte Probleme mit seinen Eltern, weswegen er diesen Sommer dort auszog. Drogen spielten eine große Rolle in seinem Leben. Und er hatte, meiner Ansicht nach, einen riesigen Haufen falscher Freunde. Irgendwann ließ er einfach niemanden mehr an sich heran. Auch nicht die Menschen, die ihm helfen wollten. Er machte komplett dicht.
Trotzdem war er ein sehr liebenswerter und toller Mensch, mit dem man viel Spaß haben konnte und rumalbern konnte. Mittlerweile frage ich mich, ob diese fröhliche Art, die er eigentlich hatte, nur Fassade war.
Er erzählte mir mal, dass er schon vor einiger Zeit versucht hatte, sich vor einen Zug zu schmeißen, hat es aber dann doch nicht getan.

Es ist schrecklich, einen Menschen zu verlieren. Vor allem, wenn es ein Mensch ist, der einem sehr ans Herz gewachsen ist, und für den man alles getan hätte. Einen Menschen, mit dem man rumgealbert hat, ernste Gespräche geführt hat und auch mal die Sau raus gelassen hat.

C. sagte zu mir, ich solle mir keine Vorwürfe machen. Wir wussten alle nicht, dass S. so etwas tun würde, auch wenn er immer sagte, er wolle nie älter als 30 Jahre werden. Er war erst 21. S. redete nie über seine Probleme, Einzelgänger, harte Schale - weicher Kern. Eine Granit-Schale. Wir hatten keine Zeit uns zu verabschieden, eine viel zu spontane Aktion.
Er hat es einfach getan. Augen zu, Welt aus.

Was genau in seinem Kopf vorging, weiß niemand. Ob er auf einem üblem Trip war, weiß auch niemand. Ob er es geplant hatte oder ob es spontan war, weiß auch niemand.

C. sagte, wenn er noch mit S. reden könnte, nach dem Unfall, würde er ihm eine knallen und ihn fragen, was der Scheiß sollte. Das es ein beschissener Abgang war von ihm.
Dann fragte er mich, was ich zu S. sagen würde.

S., dein Abgang war scheiße. Extrem scheiße. Es wäre auch anders gegangen, auch wenn du mir das nicht glauben willst. Du hast mir viel erzählt, und doch warst du auf eine Art fremd. Du weißt, wie wir zueinander gestanden haben, was ich über dich denke und fühle, auch wenn ich es dir nie wirklich gesagt habe.
Du bist ein toller Mensch. Wir konnten lachen, reden, feiern und rumalbern. Ich werde dich vermissen. Das werden die meisten von uns. Ich komm immer noch nicht drauf klar, aber auch wenn du tot bist, wirst du immer bei uns bleiben.
Wir werden dich nie vergessen und bitte vergiss uns auch nicht. Es gibt nämlich Menschen, die dir nur Gutes wollten. Ich hoffe, du weißt das.
Ich hab dich lieb, Stinker.
Wir sehen uns.

Du ziehst die nächste Line
und plötzlich fällt dir ein
Dir bleibt nur eine Mölichkeit
nicht mehr allein zu sein.
So voll mit Traurigkeit und Zorn
Hast du den Kampf mit dir verlorn
-Egotronic - Kampf verloren-

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Kampf verloren (jayart, 03.Dez 12, 21:39)